Auf einen Espresso mit dem Seelsorger – November

Auf’n Espresso mit dem Seelsorger – November 2022

Wer hat eigentlich Recht? Gibt es jemanden, der die Wahrheit „besitzt“? Als freikirchlicher Pastor arbeite ich in einem Umfeld, in dem nicht wenige der festen Überzeugung sind, dass sie im Besitz der Wahrheit sind. Man glaubt, diese Wahrheit zu „haben“. In Form eines klar formulierten Lehrgebäudes. Wie oft haben wir in unserer Familie diese Haltung hinterfragt und diskutiert. Ich habe viel von diesen kontroversen Debatten profitiert. Vor kurzem freute ich mich, als mir einer unserer Söhne eine Andacht (!) per WhatsApp schickte. Sie trägt die Überschrift: „Die Wahrheit ist obdachlos“. 

Darin äußert der Autor einen Verdacht. Und zwar einen Verdacht, der mich selbst meint und der in den ganzen Auseinandersetzungen und Konflikten befreiend sein könnte: „Ich habe den Verdacht, dass der Andere recht haben könnte.“

Was halten Sie davon? Wenn wir einmal unseren eigenen eingefleischten Standpunkten und Überzeugungen anfangen zu misstrauen. Wenn uns bewusst wird: „Ich habe die Wahrheit nicht gepachtet“! Denn „die Wahrheit beginnt zu zweit – sie liegt in der Mitte und ist immer obdachlos.“ Ein starkes Bild – oder? „Die Wahrheit campiert sozusagen zwischen den Dialogpartnern und weigert sich, unter das Dach eines der Kontrahenten zur Untermiete einzuziehen. Im Dialog werden wir ihre Gäste und sitzen an ihrem Tisch, unter einem offenen Himmel.“

Es gibt zu dieser Aussage eine eindrückliche Geschichte im Neuen Testament: Da sind zwei Männer unterwegs. Sie sind zutiefst enttäuscht. Denn ihre Hoffnung, die sie auf diesen Jesus gesetzt haben, wurde durch seinen Tod am Kreuz jäh zerstört. Ihr Blick ist in diesem Echoraum der Trauer gefangen. Bis der Auferstandene in diesen Echoraum eintritt und ihren Weg mitgeht. Fragen stellt. Ihren „begrenzten Horizont weitet und den Himmel neu über ihnen aufgehen lässt.“

Diese Weggeschichte macht deutlich: Die Wahrheit finde ich auf dem Weg. Man muss sie, im wahrsten Sinne des Wortes, „ergehen“. Sie zeigt sich, wenn wir uns gegenseitig erzählen, wie es uns „ergangen“ ist auf unseren Wegen, mit ihren Stolpersteinen und Sackgassen. Und sich über uns der offene Himmel wölbt.¹

Damit schlage ich eine kleine Brücke zu der beginnenden Adventszeit: Unser Blick ist von allerlei Krisennachrichten und Hiobsbotschaften gefangen. Advent sendet ein Lichtsignal in diese Sprechblase des Krisenmodus: Ein Lichtsignal der Zuversicht. In dem Wort Zuversicht steckt das Wort „Sicht“ – Advent kann unseren Blickwinkel und unseren Horizont weiten. Damit wir wahrnehmen: Wir sind nicht allein unterwegs. Jeder hat eine Geschichte, eine Wahrheit unter dem offenen Himmel zu erzählen. Weil jeder an das „Grenzenlose und Unendliche angeschlossen“ ist. Dadurch kann uns neu bewusst werden, dass die Dunkelheit nicht die ganze Wahrheit ist. Weil der adventliche Hoffnungsstrahl in die Dunkelheit gekommen ist. Und er hat einen Namen: Jesus Christus. Dieser Glaube, dieser Mindset, ist eine lebendige und verwegene Zuver„Sicht“.

Ich wünsche Ihnen von Herzen eine zuversichtliche Advents- und Weihnachtszeit!

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Pastor Wolfgang Klimm

Unser Seelsorger steht allen Bewohnerinnen und Bewohnern, den Angehörigen und Mitarbeitenden unabhängig von ihrer Konfession oder ihrer weltanschaulichen Prägung als Begleiter und Gesprächspartner zur Verfügung.

Nehmen Sie gerne Kontakt auf,
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  • Lebens- oder Glaubenshilfe suchen,
  • über Ihre Sorgen oder Ängste sprechen möchten,
  • ein Fürbitte- oder Segensgebet wünschen.

Sie sind herzlich zu den regelmäßig stattfindenden Andachten eingeladen.

Kontakt und Terminvereinbarung
mit Pastor Wolfgang Klimm
Telefon: 040 55425-371
E-Mail: klimm@elim-diakonie.de