Auf einen Espresso mit dem Seelsorger – Februar

Auf’n Espresso mit dem Seelsorger – Februar 2026

Aktuell beschäftigt mich die Frage, was uns als ELIM Diakonie auszeichnet. Wofür steht dieses Label „Diakonie“? Was wird damit versprochen bzw. was wird erwartet? Ist die Diakonie der Inbegriff von „Nächstenliebe“? Oder noch genauer: von „christlicher Nächstenliebe“? Damit ist eine weitere Frage aufgeworfen: Gibt es außerhalb des christlichen Glaubens wirkliche Nächstenliebe? Und lässt sich Diakonie nur mit dem christlichen Glauben leben?

Im Leitbild der ELIM Diakonie berufen wir uns auf die Geschichte vom „barmherzigen Samariter“, die Jesus in der Bibel erzählt. Der Mann wurde in den Augen seiner frommen Zeitgenossen zutiefst verachtet. Weil er dem falschen Glauben anhing und aus dem Ausland kam. Nun wird ausgerechnet dieser Typ zum Vorbild für diakonisches Handeln. Dabei erwähnt Jesus keine wie auch immer geartete religiöse Motivation für seine konkrete Hilfeleistung gegenüber dem Verletzten im Straßengraben. Der Mann aus Samarien gibt keinen seelsorgerlichen oder religiösen Zuspruch. Er spricht kein Gebet, erteilt keinen Segen. Er hilft schlicht ganz praktisch und leistet „Erste Hilfe“. Und er sorgt für die weitere Behandlung des Verletzten. Seine Motivation: das Leid des Verletzten geht ihm an die Nieren. Gleichzeitig vergisst Jesus in der Geschichte nicht zu erwähnen, dass der barmherzige Samariter bei aller Nächstenliebe seine Grenzen kennt und sich auf das beschränkt, was er kann – nicht mehr und nicht weniger: sein Dienst ist zeitlich begrenzt und er organisiert so schnell wie möglich die stationäre Weiterbehandlung gegen Bezahlung.¹

Die fehlende religiöse Note auf Seiten des helfenden Samaritaners bezeichnet ein Theologe als religiöse Anspruchslosigkeit des Helfens: „Was der Christ für andere tut, das tut er eben. Er würde die Qualität des Handelns nicht verbessern, sondern verderben, wenn er ihm einen religiösen Mehrwert an Bedeutung zuerkennt. Er würde damit die Würde des Selbstverständlichen zerstören, die alles gute Handeln auszeichnet.“²

Das heißt für unsere Frage nach dem, was Diakonie bedeutet: Nächstenliebe ist grundlegend, sozusagen der Herzschlag. Aber Diakonie kann die Nächstenliebe nicht für sich exklusiv beanspruchen. Denn wenn wir nach einem „Mehrwert“ bzw. dem Besonderen der Diakonie gegenüber dem „normal“ menschlichen Helfen fragen, könnte darin etwas Überhebliches mitschwingen. Als würde es ein „mehr“ als nur „fachlich gut, professionell und menschlich zugewandt“ geben. Denn wie wir bei der Geschichte des barmherzigen Samariters gesehen haben, ist Nächstenliebe keine spezifisch christliche Empfindung.

In der Bibel ist davon die Rede, dass alle Liebe von Gott kommt, Gott also „Liebe in Person“ ist.³ Helfendes Handeln ist aus dieser Sicht immer Ausdruck der Liebe Gottes, der den Menschen als liebes- und hilfefähig beschreibt. Unabhängig von seiner religiösen Gesinnung.

Gleichzeitig machen wir als ELIM Diakonie konkrete Angebote, die unsere Verwurzelung im christlichen Glauben sichtbar machen: dazu gehört z.B. der Raum der Begegnung in Niendorf und die dortige Möglichkeit, die Angebote der Freien evangelischen Gemeinde barrierefrei wahrzunehmen. Oder die regelmäßigen Gottesdienste bzw. Andachten in den verschiedenen Einrichtungen. Gesprächsangebote über Sinn- und Glaubensfragen etc. Aber auch dabei ist zu beachten, dass diese Angebote nicht mehr wert sind als eine „profane Diakonie“. Als ob eine spirituelle oder christliche Diakonie eine „bessere“ Diakonie wäre.

Hauptsache im diakonischen Handeln ist und bleibt, dass Notleidende eine für sie angemessene und von ihnen bejahte und sie in ihrer Autonomie respektierende Hilfe erfahren, ohne dass ihre Schwäche ausgenutzt oder vereinnahmt wird. Dies ist ohne Zweifel ein klarer Perspektivwechsel gegenüber einem traditionellen Verständnis von Diakonie als „paternalistische Fürsorge“. Der Wechsel von der Haltung: „Ich weiß, was gut für dich ist“, zu der Bitte: „Sage mir, was du brauchst“.

Zusammenfassend: 

Diakonie ist da, wo Menschen Menschen helfen und wird gelebt, seit Gott die Welt erschaffen hat. Sie ist da, wo jemand Hilfe braucht und bekommt.⁴

Auf den einzelnen Menschen bezogen, formuliert es Fulbert Steffensky: „Wer gelernt hat, das Leben gut zu finden, der wird es auch gut behandeln. Zuerst ist man mit den Augen und dem Herzen gut, die die Güte des Lebens gelesen haben. Dann erst ist man mit den Händen gut, die das Leben der anderen schützen.“⁵

Ich bin auf unseren Gedankenaustausch zum Verständnis von Diakonie gespannt.

Herzliche Grüße

Wolfgang Klimm

¹ Lukas Evangelium, Kapitel 10
² Heinz Rüegger, Christoph Sigrist: „Diakonie – eine Einführung“, S. 67 (TVZ, Zürich, 2011)
³ 1. Brief des Johannes, Kapitel 4 Vers 7
⁴ Heinz Rüegger, Christoph Sigrist: „Diakonie – eine Einführung“, S. 123 (TVZ, Zürich, 2011)
⁵ Heinz Rüegger, Christoph Sigrist: „Diakonie – eine Einführung“, S. 128 (TVZ, Zürich, 2011)

Pastor Wolfgang Klimm

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